Ein Nachmittag der großen Gefühle

HTC-Damen feiern nach einer grandiosen zweiten Halbzeit gegen starke Hurricanes vierten Sieg in Folge. Kitty Müller verabschiedet.

Herner TC - Avides Hurricanes Rot./Sch. 74:69 (13.19, 20:17, 23:9, 18:24)

HTC: Amojo (21/4 Dreier), Mersch (15/1), Greinacher (14/2, 11 Rebounds), Davis (13, 6 Assists), Slavova-Naneva (5), Müller (4), Van der Velde (2), Karic, Harris, Lappenküper, Sola.

Feldwurfquote: 42 % (31/73.). Freiwurfquote: 100 % (5/5). Rebounds: 40 (26 defensiv, 14 offensiv).

AHRS: Mallard (14), Rahn (13/2), Selby (12/2), Mankertz (10/2), Rodriguez (10/2), Skuballa (9), Gohrke (1), Thänert, Tadeus, Riebesell, Janßen.

Feldwurfquote: 46 % (28/61). Freiwurfquote: 56 % (5/9). Rebounds: 30 (24 defensiv, 6 offensiv).

Es war ein Nachmittag der großen Gefühle. Erst rangen die HTC-Damen in einem mitreißenden Spiel voller dramatischer Wendungen die starken Hurricanes nieder und nahmen ihre Fans dabei mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, und kaum war die Stimmung nach dem Schlusspfiff auf dem Höhepunkt, mischte sich Wehmut in die Siegesfreude.

„Heute verlässt uns ein Stück HTC“, sagte Vorsitzender Wolfgang Siebert, als er sich im Namen des Vereins mit einem Blumenstrauß von Kitty Müller verabschiedet. Die sympathische Flügelspielerin, der Anfang der Woche ein Medizinstudienplatz in Göttingen zugeteilt wurde, bedankte sich mit bewegenden Worten. „Ich habe mich hier in Herne unglaublich wohl gefühlt und wäre gerne geblieben“, sagte sie tapfer ins Mikrofon, um wenig später herzend und drückend ihre persönliche Abschiedstournee durch die MCG-Arena zu starten.

Warum Müller bei aller Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt diesen Verein, diese Fans und vor allem dieses Team so ungern verlässt, hatte sich in den anderthalb Stunden zuvor offenbart. Denn als die Partie den Bach runterzugehen schien, als man zur Halbzeit noch rätselte, wie diesem starken Gegner mit seiner überlegenen Physis und seinen treffsicheren Dreier-Schützinnen beizukommen sei, da gaben die Piotrowski-Schützlinge eine beeindruckende Antwort: Sie verschärften das Tempo, steigerten die Intensität, verteidigten noch bissiger. Und das ging nur, weil sie als Team funktionieren. Alle miteinander, nicht nur die Fünf auf dem Parkett.

Schon das erste Viertel gab einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Die Gäste legten durch Skuballa den ersten Korb vor, den der HTC sofort mit einer 8:0-Serie durch Lea Mersch (4), Quenice Davis und Sonja Greinacher zum 8:2 (4.) beantwortete. Doch die Hurricanes ließen sich nicht schocken, glichen zum 8:8 aus und setzten sich auch durch acht Punkte ihres eingewechselten Neuzugangs Shayann Selby zum Viertelende noch leicht auf 13:19 ab.

Rassig und temporeich wie zuvor ging es auch im zweiten Abschnitt weiter. Die Gäste blieben am Drücker, schienen gerade in der Offense mehr Optionen zu haben und bauten ihre Führung bis auf elf Punkte aus (19:30/13.). Die sechs Herner Punkte gingen auf das Konto von Ireti Amojo, die ihr Team mit zwei Dreiern halbwegs im Spiel hielt. 

Aus Trainersicht war das zu wenig. Also bat Marek Piotrowski zur Auszeit, pushte sein Team und justierte einiges neu. Mit Erfolg. Sunny Greinacher, die sich unter den Brettern aufrieb, zog sich öfter aus der Zone heraus und hatte nun mehr Platz für ihre Würfe. Ihr Dreier eröffnete die Herner Aufholjagd, und beim 33:36 zur Pause war noch alles drin, auch wenn sich die Gäste bis dahin reichlich Respekt verschafft hatten.

Nach Wiederbeginn aber war bei den Hurricanes Flaute, der Orkan kam jetzt aus der anderen Richtung. Greinachers Korb zum 37:40 (24.) war das Signal zu wilden sechs Minuten, in denen der HTC mit einem 21:5-Run auf 56:45 (30.) davonzog. Vor allem Lea Mersch war nun gar nicht mehr zu bändigen – ihr aggressives, bissiges Spiel wirkte ansteckend auf das ganze HTC-Team.

Auch im Schlussviertel blieb Herne am Drücker, sah nach Müllers Korb zum 71:53 (36.) bereits wie der Sieger aus. Alle glaubten, die Gäste hätten nun aufgesteckt, auch Piotrowski. Der wechselte durch – und musste mit ansehen, wie der Vorsprung bis zur Schlussminute auf 71:69 schrumpfte. Dann prallte Mallards Wurf auf den Ring, Radostina Slavova-Naneva packte sich den Rebound, und im Gegenzug machte Amojo per Dreier alles klar.

Aufatmen in der Halle, die Achterbahnfahrt der Gefühle war beendet. Oder doch nicht so ganz.

18.10.2015 / WAZ Herne / Wolfgang Volmer

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