In Nördlingen warten keine Engelchen

Die Enttäuschung stand ihm noch weit nach Spielschluss ins Gesicht geschrieben, und dennoch hat sich Marek Piotrowski, Trainer der Herner Bundesliga-Basketballerinnen, nicht lange mit der Aufarbeitung der ärgerlichen Heimniederlage gegen Bad Aibling aufgehalten. „Es war sicher eines der schlechtesten Spiele, das wir in den letzten Jahren in Herne abgeliefert haben. Aber es ist passiert und nicht zu ändern. Also richten wir den Blick jetzt nach vorne“, fokussiert sich der erfahrene Coach ganz auf die sonntägliche Partie bei den formstarken TH Wohnbau Angels in Nördlingen (Sprungball 16 Uhr, Hermann-Keßler-Halle).

Denn auch diese Aufgabe hat es in sich. Die Angels belegen derzeit mit fünf Siegen punktgleich mit Chemnitz (7.) und Bad Aibling (8.) Rang neun, haben die Play-Off-Plätze vor Augen und das Abstiegsgespenst im Nacken – eine Situation, in der jedes Spiel über Erfolg oder Misserfolg einer ganzen Saison entscheiden kann. Brave Rieser Engelchen sind von daher nicht zu erwarten, eher Teufelchen, die kratzen und beißen und sich um jeden Ball balgen, dessen sie habhaft werden können.
Genau das erwartet Piotrowski aber auch von seinen HTC-Damen. Nur dann sieht er eine Chance, die Stippvisite ins schwäbische Bayern schadlos zu überstehen. „Wir haben keinen Grund, irgendeinen Gegner zu unterschätzen, und müssen das Spiel hochkonzentriert angehen“, sagt er – und geht davon aus, dass auch die Spielerinnen die Tabelle lesen können. „Die Liga ist diesmal unglaublich eng, da kann fast jeder jeden schlagen. Wir haben nur vier Punkte mehr als die Angels, wenn die gewinnen, sind sie auf Schlagdistanz.“ Und der HTC müsse sich dann sogar sorgen, nochmal in Abstiegsgefahr zu geraten.
Die vermeintliche Gewissheit, dafür zu gut besetzt zu sein, kann sich schnell als fataler Irrtum herausstellen. Die angebliche Qualität muss auf dem Parkett nachgewiesen werden, nicht drei-, viermal in einer Serie, sondern konstant, Woche für Woche. „Was die Mannschaft leisten kann, hat sie gegen Wasserburg, Hannover, Marburg oder Saarlouis gezeigt. Aber es gibt eben auch die anderen Spiele“, sagt Piotrowski, und meint Bad Aibling, Rotenburg oder Chemnitz. „Wir haben ein gutes, aber auch ein sehr junges Team. Wir wussten, dass es Rückschläge geben würde.“
Bislang aber hat der Herner TC das Bild nach schwachen Auftritten stets sofort zurechtgerückt und die passende Antwort gegeben. Genau das soll auch in Nördlingen geschehen. Die personellen Voraussetzungen könnten besser kaum sein. Weil Kapitänin Emina Karic nach langer Verletzungspause ihr Comeback geben will, kann Piotrowski aus dem Vollen schöpfen und mit einer Elfer-Rotation antreten.
Aber auch sein Nördlinger Kollege Patrick Bär hat Spitzenpersonal zur Verfügung. Eine herausragende Saison spielt Centerin Kimberly Pierre-Louis, die mit 18,2 Punkten und 8,9 Rebounds pro Spiel weit vorn in der Liga-Statistik auftaucht. Auch ihre kanadische Landsfrau Erin Chambers (10,6), US-Girl Jennifer Schlott (11,5) und die kroatische Flügelspielerin Aleksandra Racic (11,4) punkten im Schnitt zweistellig. Beim 78:65-Hinspielsieg lag der HTC zur Pause noch zurück. „Das wird auch diesmal keine einfache Kiste“, befürchtet Marek Piotrowski. „Die Mannschaft weiß, dass sie gegen Aibling Mist gebaut hat. Ich bin gespannt, wie sie reagiert.“

20.01.2017 / WAZ Herne / Wolfgang Volmer

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