Packender Krimi bleibt ohne Happy-End

Herner TC - TSV 1880 Wasserburg 65:67 (14:17, 16:18, 22:18, 13:14)

Es war, als hätte jemand auf dem Höhepunkt der Party den Stecker gezogen und die Musik abgedreht. Fasziniert von einem mitreißenden Basketballspiel, standen sechs-, siebenhundert begeisterte Zuschauer längst auf ihren Sitzen, ließen die proppevolle Mont-Cenis-Arena wackeln und machten sich gerade fertig zum abschließenden Jubeln, als der Traum vom großen Herner Triumph platzte wie eine Seifenblase.

In allerletzter Sekunde hatte Meister TSV Wasserburg den Bundesligagipfel noch mit 67:65 für sich entschieden. Lähmendes Entsetzen auf den Rängen, unten auf dem Parkett starrten fassungslose HTC-Spielerinnen in bleiche Gesichter. Dieser Schock hatte gesessen.

Lange dauerte es aber nicht, bis die HTC-Fans das unglückliche Ende eines tollen Abends realisiert hatten. Mit prasselndem Beifall munterten sie die jungen Damen auf und bedankten sich für eine leidenschaftliche Partie, in der sich die zur Zeit besten deutschen Mannschaften 40 Minuten lang auf Augenhöhe begegnet waren.

Foul oder Schrittfehler?

Spannend war’s über die gesamte Distanz. In den letzten Sekunden aber spitzten sich die Ereignisse noch einmal dramatisch zu. Der Herner TC hatte seine 61:55-Führung (36.) abgeben müssen, beim Stande von 65:65 17 Sekunden vor Schluss aber Ballbesitz. Ein klarer Fall für Quenice Davis. Die wieselflinke Aufbauspielerin ließ ein paar Sekunden verrinnen, dann dribbelte sie los, wollte den Korbleger oder ein Foul. Und dann kam er auch, der Pfiff. Doch die Schiedsrichter werteten den Körperkontakt nicht als Foul, sondern ahndeten Davis’ Schrittfehler. Die Folge: Einwurf für Wasserburg in der Herner Hälfte.

2,9 Sekunden waren noch auf der Uhr. Das reichte den abgezockten Gästen, um Svenja Brunckhorst freizuspielen. Mit der Sirene fiel ihr Korbleger (nach Schrittfehler, wie manche beteuerten) durch den Ring, der HTC war geschlagen. Und nicht nur Marek Piotrowski war geknickt. „Wir haben sehr viel investiert, um dieses Spiel zu gewinnen, aber die letzte Situation haben wir schlecht verteidigt“, kommentierte der Herner Headcoach, als er seine Fassung wieder gefunden hatte. „Der Sieg für Wasserburg geht in Ordnung, aber auch wir hätten ihn verdient gehabt. Es war ein sehr gutes, hoch emotionales Spiel, wir haben Wasserburg alles abverlangt.“

Das dürften die Gäste nicht anders sehen. Allenthalben als „Übermannschaft der Bundesliga“ eingestuft, mussten sie an diesem Abend erkennen, dass ihnen im Herner TC ein ernsthafter Konkurrent erwachsen ist. Vom Sprungball an verbissen sich die Hernerinnen in ihre Aufgabe, erspielten sich schnell eine 12:7-Führung(7.) – und hatten den Meister damit gereizt. Mit extrem aggressiver Defense hielten die Riesinnen vom Inn dagegen, ließen kaum freie Würfe zu und zogen scheinbar unaufhaltsam davon. Nach Nicole Romeos Dreipunktspiel zum 22:33 (19.) führten sie erstmals zweistellig, und den Herner Fans schwante, dass es ihrem Team nicht anders ergehen könnte als den ersten sechs Wasserburger Gegnerinnen.

Die letzten 3,5 Sekunden der ersten Hälfte aber gehörten dem HTC, oder besser: Sie gehörten Ireti Amojo. Nach Foul plus „Technischem“ von Anne Breitreiner verwandelte Amojo alle drei Freiwürfe und schickte gleich noch einen Dreier hinterher – Herne war wieder dran, und die Kulisse war da. Derart beflügelt und von den Fans nach vorn getrieben, startete der HTC mit einem 11:0-Run zum 41:35 (24.) in die zweite Halbzeit. Dabei drehte besonders Hernes junge Spielführerin Emina Karic groß auf. Dass Karic nach ihrem vierten Foul vorsichtshalber vom Feld ging (49:42/28.), kostete den HTC kurz seine Linie. Der TSV kam auf und übernahm zu Beginn des vierten Abschnitts sogar wieder die Führung (52:55/32.), ehe der HTC mit einer 9:0-Serie zum 61:55 (36.) konterte.

Erbittertes Ringen um jeden Ball

Was dann folgte, war ein erbittertes, intensives Ringen um jeden Ball, bei dem sich die abgebrühten Gäste etwas cleverer anstellten. „In dieser Phase haben wir uns zwei, drei wirklich blöde Ballverluste erlaubt“, sah Marek Piotrowski hier den Grund für die spätere Niederlage. „Trotzdem ein Riesenkompliment. Was uns fehlte, waren ein wenig Glück und Abgezocktheit.“

HTC: Amojo (15 Punkte/1 Dreier), Davis (11), Karic (10), Barnes (10), Wright (8), Salomaa (5), Müller (4), Slavova-Naneva (2), Van der Velde.

TSV: Jurcenkova (15), Cannon (15), Brunckhorst (11), Romeo (10/1), Peddy (7), Sten (4), Breitreiner (3/1), Wagner, Calvelo Ameijeiras, Vujacic.

Wurfquote Feld: HTC 37 % (21 von 57) – TSV 37 % (23/63). 

Freiwurfquote: HTC 88 % (22/25) – TSV 86 % (19/22). 

Rebounds: HTC 36 (27 defensiv, 9 offensiv) – TSV 39 (27 def., 12 off.). 

Turnovers: HTC 27 – TSV 20. 

Assists: HTC 6 - TSV 7. 

Steals: HTC 12 - TSV 13. 

Fouls: HTC 21 - TSV 23.

 

02.11.2014 / WAZ Herne / Wolfgang Volmer

 

 

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